Die 100.000

 

Volkswagen kommt nicht aus den (zumeist leider negativen) Schlagzeilen heraus, wie es aussieht. Die jüngsten Meldungen in allen Leitmedien sind aufgrund eines Artikels im Manager Magazin entstanden, aus dem ziemlich detailliert hervorgeht, welche Inhalte das neue Sparprogramm des Konzernvorstandes mit dem Titel „Group Target Picture“ hat.

100.000 Arbeitsplätze sollen demnach weltweit im Konzern abgebaut werden – somit eine Verdoppelung der bisherigen Pläne von 50.000. Zudem werden relativ offen die fahrzeugbauenden Werke Emden, Zwickau, Hannover und (Audi) Neckarsulm zu Beginn der 2030er Jahre infrage gestellt. Die Marke Volkswagen, die eigentlich bisher den Kern der Volkswagen AG darstellte, soll daraus herausgelöst und unter eine technische Holding gesetzt werden. Ebenso will man mit der sogenannten Komponente verfahren, deren Standorte zur AG dazugehören und nur intern organisatorisch die Funktion des technischen „Zulieferers“ besitzen.

Die letzten beiden Punkte erhalten eine zusätzliche Brisanz, da das VW-Gesetz, das in den 1960er Jahren durch den Bund sozusagen als Gegengewicht der damals durchgeführten Privatisierung der staatlichen Volkswagen GmbH installiert wurde, seine Wirkung verliert. Zwar bekundet der für den Bereich Complience und Recht zuständige Vorstand Manfred Doess, dass man das VW-Gesetz „selbstverständlich“ beibehalten wolle, doch dieses bezieht sich eben explizit auf die Volkswagen AG, nicht auf eventuelle Töchter. Der besondere Schutz durch die Anteile des Landes Niedersachsen würde somit sowohl für eine neue Marke Volkswagen, als auch einer eigenständigen Komponentengesellschaft unterhalb der Holding wegfallen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Dass diese für den Aufsichtsrat vorgesehene Vorlage schon wieder vorab an die Presse durchgestochen wurde, ist inzwischen schon so etwas wie ein ärgerlicher Automatismus. Wo das Leck sitzt, ist bisher nicht bekannt und nach Bekundung von Doess wird intern intensiv danach gefahndet. Dennoch beschleicht einem manchmal der Verdacht, dass das alles doch nicht ganz unabsichtlich erfolgt, denn die Debatte ist somit eröffnet und erhöht gleichzeitig den Druck auch auf die Arbeitnehmervertretung in allen Gremien. Die Verunsicherung der Belegschaften, die damit einhergeht, wird auch nicht jedem im Konzern wirklich stören. Mein eher scherzhafter Hinweis an Olliver Blume, doch für alle Beschäftigten einfach Accounts des Handelsblattes und des Manager Magazins freizuschalten, weil man sich damit dann die interne Kommunikation ersparen könne, kam jedoch nicht so gut bei ihm an, wie man seinem Gesichtsausdruck entnehmen konnte.

Zu den Fakten und Hintergründen dieses erneuten Angriffes auf die Beschäftigten und die Mitbestimmung – anders kann man es leider nicht bezeichnen – ist Folgendes zu sagen: Die Analyse der finanziellen Situation des Konzerns ist aus Sicht des Betriebsrates absolut nachvollziehbar und richtig. Die Gründe liegen in den starken Veränderungen der Märkte, in denen Volkswagen in den vergangenen Jahrzehnten tätig war. Das Chinageschäft wird immer schwieriger, da der chinesische Binnenmarkt aufgrund von Kaufzurückhaltung der Kunden und einer nur noch marginal wachsenden Wirtschaft dort deutlich verloren hat. Die chinesische Regierung reagiert mit dem Drang an die Produzenten, den Export der hohen Überkapazitäten zu steigern, was in den letzten Monaten somit mit rund 50% Erhöhung zum Vorjahr geschehen ist. Da viele der Produkte zudem stark subventioniert sind und die eigene Währung künstlich niedriggehalten wird, ist es den chinesischen Herstellern möglich, Kampfpreise mit bis zu 40% Rabatt z.B. bei den Fahrzeugen anzubieten. Dadurch entsteht ein ungleicher Preiskampf, bei dem kein europäischer Hersteller mithalten kann.

Der ebenfalls wichtige US-Markt ist durch den Protektionismus von Präsident Donald Trump und seinen Zöllen ein weiterer Punkt in der sich negativ entwickelnden Situation des Konzerns und der deutschen Automobilindustrie insgesamt. Auch die bisherige Aufteilung des nordamerikanischen Marktes mit relativ kostengünstiger Produktion in Mexiko und dem Verkauf von dort in die USA funktioniert nicht mehr, da die Handelsfreiheit der ehemaligen NAFTA von Trump beseitigt wurde und ebenfalls Zölle in Höhe von 25% aus Mexiko heraus fällig werden.

Last but not least ist auch der europäische Markt seit der Corona-Pandemie nicht mehr auf das Vorkrisenniveau gestiegen, so dass auch hier ein Rückgang zu verzeichnen ist, obwohl Volkswagen deutlich Marktanteile gewinnen konnte. Dennoch hat der Konzern vor, weitere 500.000 Fahrzeuge aus dem Gesamtvolumen zu nehmen, was sich natürlich auf die aufgebauten Kapazitäten der Standorte auswirkt. Somit können auch die inzwischen vielzitierten Fabrikkosten nicht günstiger werden, da das Verhältnis von nun einmal vorhandenen Fixkosten zu produzierten Fahrzeugen mathematisch bei sinkenden Stückzahlen ungünstiger werden muss.

Zu den ebenfalls oft genannten Energiekosten in Deutschland sei gesagt, dass der von den Gewerkschaften lange Jahre geforderte Industriestrompreis noch immer nicht vollständig umgesetzt wurde und wir derzeit eine Wirtschaftsministerin haben, die lediglich ihrem Lobbyauftrag gerecht wird, weiterhin die notwendige Energiewende ausbremst und stattdessen lieber wieder auf Gaskraftwerke setzt, die den Strompreis letztlich verteuern, statt ihn auf ein wettbewerbsfähiges europäisches Niveau zu bringen.

Unter dem Strich gilt also sowohl für die Automobilhersteller, als auch für die gesamte Industrie in Deutschland der Satz, den ich an dieser Stelle schon einmal formuliert hatte: die Globalisierungs- und Exportweltmeisterschaftsparty ist endgültig vorbei und eine daraus sich ableitende, vernünftige Wirtschaftspolitik ist derzeit leider nicht in Sicht.

Doch was sich gerade abspielt ist mehr als nur ein wirtschaftliches Tief oder eine Konjunkturdelle – es ist eine tiefgreifende Krise der Veränderung geopolitischer Machtverhältnisse in zeitlicher Verbindung mit einer industriellen Transformation, die man eigentlich auch als Revolution bezeichnen kann. Das zeichnet sich auch in einem Kulturkampf um die Deutungshoheit ab, der in diesem Land stattfindet. Die wirtschaftliche Talfahrt des Volkswagenkonzerns ist nur ein Beispiel davon. Ebeno könnte man die Situation von Thyssen-Krupp, der gesamten Stahlindustrie, von Bosch, BASF, Conti, ZF – kurz, der gesamten Industrie aller Branchen heranziehen. Die Argumente der zu hohen Kosten in Verbindung mit der Absicht, diese zu senken oder gar gleich ganze Standorte zu Gunsten der Renditen zu schließen, sind schließlich überall dieselben.

Das bringt mich zu der Frage, was eigentlich in dieser Gesellschaft als wichtiger erachtet wird? Die Interessen einer kleinen Gruppe von Besitzenden, die ihre Renditeziele angesichts des steigenden wirtschaftlichen Drucks unbedingt gewahrt sehen wollen, oder der Erhalt von Arbeitsplätzen, die nicht nur die reine Zahl der Beschäftigten bedeutet, sondern die der dahinterstehenden Familien, der damit verbundenen Kaufkraft und somit auch weiterführend der Erhalt ganzer Regionen inklusive Einzelhandel, Handwerk, Dienstleistungen etc.

Am Beispiel wieder von Volkswagen muss diese Frage auch vor dem Hintergrund gestellt werden, was denn als wirtschaftlich betrachtet wird? Schließlich macht der Konzern trotz aller Probleme in den Märkten und den ganzen Gegenläufern auch in 2026 mit Sicherheit wieder ein positives Milliardenergebnis – zwar wahrscheinlich erneut schlechter als im Vorjahr, aber wie gesagt positiv und in Milliardenhöhe. Es reicht aber nach Aussage des Konzernvorstandes eben nicht „für die nötigen Investitionen in die Zukunft“ – ich glaube jedoch, dass es hauptsächlich um die Befriedigung der Anteilseigner und deren Ansprüche geht.

Doch schauen wir noch einmal auf den eben bereits beschriebenen Kulturkampf, der sich in den Artikeln und Kommentaren der Leitmedien verdeutlicht. Angesichts der aktuell dargestellten Lage wird oft Verständnis für die vorgeschlagenen Einschnitte geäußert. Schließlich sei doch klar, dass die Kosten (insbesondere die Arbeitskosten) zu hoch seien, die Bürokratie zu überbordet und die Steuern ebenfalls zu hoch, als dass in Deutschland noch investiert werden könne. Vor allem der oft dargestellte „zu hohe“ Einfluss des Betriebsrates und der IG Metall müssten demnach endlich beschnitten werden, wie es vielfach heißt. Darauf haben sich viele Medien regelrecht eingeschossen.

Mein „Lieblings-Wirtschaftsjournalist“ Andreas Schweiger aus der Redaktion des Funke-Medientitels Braunschweiger Zeitung etwa schreibt am 27. Juni 26 in seinem Kommentar zu der Meldung aus dem Manager Magazin, dass nun „alles auf den Tisch“ müsse. „Vom Aus einer Fabrik bis zum Einkommensverzicht, den es bei VW schon einmal gab“, wobei er sich offenbar auf die damalige Einigung der Vier-Tage-Woche bezieht. Wie bei vielen anderen Kommentatoren, hat man auch bei Schweiger den Eindruck, dass er sehr gern über Volkswagen, aber völlig unabhängig von jeder Kenntnis der tatsächlichen Situation und erst recht über mögliche Folgen solcher Forderungen schreibt. Es gibt auch kein einziges positives Beispiel von Verzichten auf Entgelte, die am Ende wirklich zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage von Unternehmen geführt hätte und das Szenario einer Werkschließung z.B. in der Region Emden oder Zwickau hätte verheerende gesamtgesellschaftliche Folgen für das Umfeld dieser ansonsten wirtschaftsschwachen Gegenden.  

Woher aber soll der Sachverstand und die Einsicht auch kommen, dass es vielleicht ganz anderer Fragen bedarf, wie man die Wirtschaft in diesem Land und der EU insgesamt umbaut und für die Menschen nutzbar macht, statt nur immer eine bestimmte Klientel und deren Interessen zu bedienen. Ein Blick auf die hauptsächliche Ideologie der sogenannten Wirtschaftsweisen zeigt deutlich auf, wie die Ausrichtung dieser Meinungsgestalter nach wie vor aussieht. Veronika Grimm, ihres Zeichens (nicht unumstrittenes) Mitglied des Wirtschaftsrates, der die Bundesregierung berät, hat jüngst ihre Sichtweise der schwerwiegendsten Probleme dieses Landes in einem Interview wieder mit der Funke Mediengruppe verdeutlicht. Die zu hohen bürokratischen Hürden und der zu stark ausgeprägte Kündigungsschutz seien zwei dieser Punkte, wie sie darstellte.

Bei solchen Expertisen muss man sich nicht wirklich wundern über politische Entscheidungen und deren Folgen. Der Angriff auf unsere Sozialsysteme mit den angeblich notwendigen „Reformen“ gehört ebenso dazu, wie eben die Forderung nach Aufweichung des Kündigungsschutzes und Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes. Nichts, aber auch absolut gar nichts davon wird die wirtschaftliche und die geopolitische Lage auch nur im Entferntesten positiv beeinflussen, aber die Renditen kurzfristig erhöhen, auch weil ein völlig pervertierter Finanzmarkt jede Verschlechterung von Beschäftigungssituationen und Arbeitnehmerrechten mit Kursteigerungen belohnt.

Die VW-Aktie ist jedoch nach dem Bekanntwerden der Vorhaben noch nicht angestiegen – vor allem weil niemand daran glaubt, dass die angekündigten Dinge auch tatsächlich so erfolgen und umgesetzt werden. Dies wiederum scheint u.a. auch ein Verdienst unserer Arbeit als Betriebsräte und GewerkschafterInnen zu sein. Klar ist jedoch, dass hierbei ein weiterer, sehr harter Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze, der tariflichen Bedingungen und der wirtschaftspolitischen Ausrichtung insgesamt bevorsteht und das betrifft nicht nur den Volkswagenkonzern. Wenn der jedoch verloren geht, ist aus meiner Sicht die Versteppung der industriellen Landschaft Deutschlands und Europas nicht mehr aufzuhalten. Das sollte sowohl den Kommentatoren in den Gazetten, als vor allem auch der verantwortlichen Politik klar sein.    

 

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