Fritze, die AfD und der Wal
Wenn man eine
Zustandsbeschreibung dieses Landes in diesen Tagen abgeben will, dann kommt man
nicht daran vorbei, die unterschiedlichen Wechselwirkungen von Themen und die
Reaktion der Öffentlichkeit darauf verwundert zu betrachten. Diese sind in der
Tat sehr differenziert – allerdings nicht unbedingt nach Relevanz geordnet,
wenn ich mir diese Einschätzung aus eigener Sichtweise erlauben darf.
Da fallen zunächst
die ständig aktualisierten Umfragewerte in den sogenannten Sonntagsfragen zum
Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes auf. Die AfD hat mit
aktuell (Stand Ende April 2026) rund 28% mittlerweile die deutliche Führung
gegenüber der Union eingenommen. CDU/CSU kommen auf etwa 26%, die SPD dümpelt
bei mageren 14% mit Abwärtstrend und die Grünen und die Linke kommen immer auf etwa
10-12%. Das erschreckende Erstarken der Rechten nimmt trotz etlicher Skandale
um Vetternwirtschaft, Eklats in den Parlamenten und sogar Landesverrat einiger
ihrer Protagonisten immer weiter zu, als würde es die Leute überhaupt nicht
interessieren. Es scheint auch keine öffentliche Debatte darüber stattzufinden,
so als nehme die eine Hälfte das resigniert hin und die andere freut sich
klammheimlich darüber.
Über die Gründe
dieses Rechtsruckes in Deutschland ist schon viel geschrieben worden. Ich habe
das auch schon mehrfach thematisiert und es scheint sich zu bestätigen, was an Vermutungen
dazu existiert, bzw. was aus Studien dazu hervorgeht. Die Wählerinnen und
Wähler der AfD kommen zumeist aus dem Bereich der Bevölkerung, dem es
wirtschaftlich gar nicht schlecht geht, der aber Befürchtungen über den
sozialen Abstieg äußert oder diese hegt. Bei Betrachtung der Diskussion um soziale
Sicherungssysteme in diesem Land ist es jedoch nicht verwunderlich, dass ein großer
Teil der Menschen sich Sorgen um ihre Zukunft machen, dabei die Ellenbogen
gegenüber vermeintlicher Konkurrenz ausgefahren werden und populistische
Tiraden bei ihnen ankommen.
Die aktuellen Angriffe
auf unsere Sozialversicherungen erfolgen natürlich nicht wirklich, weil „wir
uns das nicht mehr leisten können“, sondern weil eine Entlastung des Kapitals durch
Absenkung (oder Verhinderung des Anstiegs) der Beitragssätze erfolgen soll, da
die bisherige Gelddruckmaschine Globalisierung zu stottern anfängt und irgendwie
die Renditen gesichert werden müssen. Die Vorgehensweise durch Darlegung von vermeintlichen
Argumenten und Notwendigkeiten ist im Übrigen die gleiche, wie in allen nennenswerten
Krisen der Wirtschaft in der Vergangenheit. Man konnte die Hinweise auf die angeblich
ausufernden sozialen Sicherungsinstrumente beispielsweise schon in den 1980er
Jahren unter Helmut Kohl und in den 2000ern bei Gerhard Schröder beobachten.
Begleitet durch sogenannte Wirtschaftsweise und die Leitmedien wird das Bild
vom „faulen Arbeitslosen“, vom „demographischen Wandel und der gestiegenen Lebenserwartung“,
von den „zu häufigen Arztbesuchen“ gepaart mit den „zu hohen Unternehmenssteuern“
und dem „lähmenden Bürokratismus“ immer wieder hervorgeholt und gepredigt.
Dabei nimmt die
Politik das Heft des Handelns nicht einmal mehr selbst in die Hand. Derzeit
sind es vor allem die sogenannten Expertenkommissionen, die sich im Auftrag der
Regierung Gedanken über z.B. die Rente und das Thema Gesundheit machen, dann
ihre Vorschläge unterbreiten und auf Umsetzung warten. Demokratisch nicht legitimierte
Gruppen von zumeist Akademikern mit Professur also, die nicht selten für
Versicherungen oder Banken arbeiten und am Ende von Privatisierungen aus ihren
Vorschlagsagenden profitieren, machen heute Politik und beeinflussen somit die
Lebensumstände der Menschen. Auch hier erfolgt kein nennenswerter Aufschrei der
Empörung z.B. durch die Versicherten, die wieder einmal einseitig zur Kasse
gebeten werden; höchstens vielleicht die geballte Faust in der Tasche und wahrscheinlich
dann die Quittung auf dem Wahlzettel. Auch die Sozialverbände und die
Gewerkschaften protestieren nur halblaut gegen die sozialen Ungerechtigkeiten und
verstummen danach wieder, anstatt das alles zum Anlass für Kampagnen und große
Proteste zu nehmen. Wie es scheint, ist die Mobilisierung der Menschen derzeit
angesichts der multiplen Krisen und einer damit einhergehenden allgemeinen
Resignation auch mehr als schwierig.
Womit man hingegen
medial Aufmerksamkeit und auch Stimmungen im Land machen kann, sind solche in
Dauerschleife gezeigten Themen, wie der Wal in der Ostsee, der zuerst vor
Timmendorf gestrandet war und seitdem die Gemüter erhitzt. Natürlich ist es
nachzuvollziehen, dass Menschen Anteil an dem Schicksal dieses Tieres nehmen,
zumal es ja nicht alltäglich ist, dass ein Buckelwal in der Ostsee erscheint.
Doch die vielen Versuche einiger Leute, sich buchstäblich auf dem Rücken des
Tieres zu profilieren, das Ganze gepaart mit dem Druck einer in den sozialen
Medien aufgeputschten Community (Morddrohungen inklusive), dem sich die Landespolitik
dort beugt, sind schon deutliche Zeichen des Zeitgeistes und einer sich
auflösenden, nicht mehr zu einem vernünftigen und respektvollen Umgang
miteinander fähigen Gesellschaft.
Ganz zu schweigen
von der Tatsache, dass die Ursache des Strandens dieses Wals vermutlich mit
Auswirkungen ständiger Lärmverschmutzung der Meere zu tun hat und darüber
hinaus jährlich Tausende von Meeressäugern dadurch und durch andere
Umweltbelastungen zugrunde gehen. Nur die werden nicht von „BILD“ mit Namen
versehen.
Und dann ist da
noch ein Bundeskanzler Merz, der dem Ganzen die Krone mit ständig erfolgenden
verbalen Entgleisungen oder (absichtlich?) falsch zu verstehenden Kommentaren aufsetzt.
Aus meiner Sicht fehlt diesem Mann jedes Verständnis und jede Empathie für die Basis
der Bevölkerung und sein persönlicher Lebensstandard scheint ihm dabei
ebenfalls die Augen vor der realen Situation der Menschen zu verschließen. Anders
lassen sich die kommunikativen Ausfälle von Merz nicht erklären. Das jüngste
Beispiel seiner Darstellung von der gesetzlichen Rente als lediglich nur noch
Grundsicherungsinstrument, die er im April vor Vertretern von Banken und
Versicherungen ausgesprochen hat, war kein Versehen oder etwa falsch zu
verstehen. Er meinte das ernst damit, dass künftig finanzmarktgetriebene
Elemente die Alterssicherung bestimmen sollen. Das ist ja genau sein Metier, in
dem er sich viele Jahre lang bewegt hat und das für ihn als Einkommensmillionär
vielleicht auch Sinn macht.
Dass solche
risikobehafteten Dinge nicht für Normalverdienende oder gar für die unteren
Einkommensschichten geeignet sind, weil sie entweder überhaupt kein Geld für
solche Ausgaben übrig haben oder die Risiken nicht tragen können, dafür hat
Merz keinen Blick. Stattdessen die gesetzliche Rente zu stärken und alles dafür
zu tun, dass dieses seit Jahrzehnten bewährte Instrument erhalten bleibt, das
kommt ihm als politische Alternative (und vielleicht auch mal als Alternative
zur Alternative für Deutschland) nicht in den Sinn. Das wäre ja mindestens so
anstrengend wie das Retten von einem gestrandeten Wal aus der Ostsee – nur medial
nicht so attraktiv.
Bleibt am Ende zu
hoffen, dass bei einem zu erwartenden (und befürchteten!) Wahlsieg der AfD bei
der nächsten Bundestagswahl die so viel zitierte Brandmauer hält und sich die
Demokraten dann wirklich einmal Gedanken über demokratische Varianten von
Koalitionen machen, die bisher kaum denkbar waren. Nach den aktuellen Zahlen
könnten nur Dreierbündnisse (z.B. Union, SPD, Grüne oder Linke) die Mehrheiten
gegen die Rechten aufstellen. Darin läge auch so etwas wie eine Chance auf echte
Demokratie, in der es Kompromisse über dieses breite politische Spektrum geben
müsste und eben nicht mehr nur Politik für das eigene Klientel gemacht werden
könnte. Das hätte dann vielleicht wieder einen positiveren Zustandsbericht
dieses Landes zur Folge.
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