Das "Aus vom Aus"

 

Das kürzlich erfolgte Ergebnis der EU-Kommission zum vieldiskutierten Thema Verbrenner-Aus wird von vielen Seiten unterschiedlich interpretiert. Die europäischen Konservativen der EVP unter Führung des CSU-Politikers Manfred Weber, sowie z.B. der bayrische Ministerpräsident Markus Söder feierten dieses Ergebnis sogleich als das „Aus vom Verbrenner-Aus“, während die Bundesregierung und auch Gewerkschaften wie die IG Metall darin die Bestätigung der E-Mobilität sehen, wobei den Automobilherstellern nun mehr Zeit für die Umstellung ihrer Flotten gegeben werden würde, was Tausende von Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern sicherte. Zudem wird immer wieder die sogenannte „Technologieoffenheit“ durch künftige Antriebstechniken wie Hybrid, Range Extender und alternative Kraftstoffe (sogenannte E-Fuels) hervorgehoben.

Das ursprüngliche Ziel, ab 2035 keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen – das eigentlich nie in der besagten Form bestand, es ging hierbei lediglich um die CO2-Neutralität der Antriebstechnik – hat man im ersten Schritt von 100% auf 90% der dann hergestellten Flotten reduziert. Das bedeutet, dass die restlichen 10% der künftigen Fahrzeuge weiterhin als herkömmliche Verbrenner (in Hybridform oder eben mit den alternativen Kraftstoffen betankt) hergestellt und zugelassen werden dürfen. Ebenfalls als Kompensationsalternative soll z.B. die Nutzung von CO-2-neutralen Materialien wie z.B. grüner Stahl dienen.

Darüber hinaus hat die EU-Kommission noch weitere Punkte wie die Förderung von kleineren E-Fahrzeugen und einen sogenannten „Battery-Boost“ angekündigt, mit dem die Entwicklung und Herstellung von Batterietechnologie in Europa unterstützt werden soll. Hierfür steht eine Summe von insgesamt 1,8 Mrd. € zur Verfügung, von denen 1,5 Mrd. € als zinslose Darlehen bereitgestellt werden sollen.

Wie schon beschrieben, wird dieses Ergebnis unterschiedlich bewertet. Was die Interpretation von Weber und Söder angeht, kann man aus meiner Sicht mal wieder von populistischen Tendenzen sprechen, von denen sich die beiden Genannten leiten ließen. Gerade der bayrische Ministerpräsident und auch sein Stadthalter in Brüssel schielen bekanntlich auf die öffentliche Meinung und nutzen solche Stimmungen immer wieder für ihre politische Agenda. Das ZDF-Politbarometer vom 12.12.2025 zeigte unmittelbar vor der Entscheidung der EU-Kommission in einer Umfrage zum Verbrenner-Aus eine deutliche Mehrheit von 63% der Befragten, die dagegen sind, dass ab 2035 keine Verbrenner mehr zugelassen werden dürfen. Nur 32% haben sich dafür ausgesprochen.

In wieweit dieses Meinungsbild von der aktuellen Diskussion beeinflusst wird und ob die Argumente hinsichtlich der behaupteten Gefährdung der Automobilindustrie darin eine Rolle spielen, sei dahingestellt. Klar ist bei dem derzeitigen Ergebnis der EU-Kommission, das natürlich noch zur Beratung und abschließenden Gesetzgebung ins EU-Parlament gegeben wird, dass es eben nicht die von den Konservativen erhoffte Rücknahme der Mobilitätswende ist – zumindest nicht im großen Stil. Die ursprünglichen Ziele werden nach derzeitigem Stand um 10% abgesenkt, aber sie werden nach wie vor nur mit CO2-neutralen Antrieben und somit in erster Linie mit Batteriefahrzeugen (BEV) erreichbar sein. Die übrigen 10% werden in Zukunft dann vor allem hochpreisige Fahrzeuge aus dem Premiumsegment sein, die mit ihrer Verbrennertechnik weniger Innovation aber hohe Margen bedeuten. Gerade die vielzitierten E-Fuels sind in ihrer Herstellung weiterhin sehr teuer und werden nicht in ausreichenden Mengen zu „normalen“ Preisen zur Verfügung stehen. Hybridfahrzeuge und Techniken wie der Range Extender werden lediglich einen kurzen Übergangscharakter haben, wenn die Batterietechnik weiter aufholt und im Ladeverhalten und der Reichweite den heutigen Fahrzeugen gleichkommt, was mit Sicherheit sehr rasch geschieht.  

Ein klares Bekenntnis zu E-Mobilität, wie in den Pressemitteilungen der EU dargestellt, ist dieser sogenannte Kompromiss aber auch nicht. Ganz im Gegenteil wird gerade die Vereinnahmung des Themas durch die Konservativen im Hinblick auf den vermeintlichen Erfolg ihrer Ablehnung der Mobilitätswende wieder die Medienberichte dominieren und viele Menschen davon abhalten, sich mit der E-Mobilität nüchtern und sachlich auseinanderzusetzen, weil ja „das Verbrenner-Aus jetzt zurückgenommen wurde“ und man weiterhin auf Diesel- und Benzinfahrzeuge setzen könne. Dieser Trugschluss wird sich zunächst in vielen Köpfen festsetzen und durch das sicher weiter fortgesetzte Torpedieren der E-Mobilität seitens der EVP und anderer politischer Parteien vor allem vom rechten Rand des Spektrums bestärkt werden.

Auch das Gesamtprogramm der EU zum Thema ist lediglich als unzureichend für die dargestellten angeblichen Ziele zu bewerten. Der „Battery-Boost“ mit einer Gesamtsumme von 1,8 Mrd. € ist im Hinblick auf tatsächlich benötigte Fördersummen gerade beim Aufbau von Kapazitäten zur Herstellung von Batteriezellen nüchtern betrachtet eher lächerlich. Die bereits in den Medien in der jüngsten Zeit viel beschriebene Batteriezellfabrik von Volkswagen in Salzgitter hat eine Investition von insgesamt rund zwei Milliarden Euro gekostet. Derzeit läuft die Produktion von Musterzellen im ersten der beiden aufgebauten Blöcken an. Der zweite Block steht noch leer, weil sich die Bedarfe durch den verlangsamten Hochlauf der E-Mobilität (auch aufgrund der ganzen negativen Agitation dagegen) insgesamt reduziert haben.

Weitere Investitionen in Maschinen und Anlagen würden aus derzeitiger Sicht nur mit entsprechenden Fördersummen umgesetzt werden können, die allein für diesen Standort eine höhere dreistellige Millionensumme erforderlich machten. Angesichts sehr hoher Förderungen in Milliardenhöhe, die z.B. Staaten wie Kanada für den Aufbau von Kapazitäten zur Verfügung stellen, sollte sich die Politik in Europa, aber auch in Bund und Land rasch überlegen, was ihr der Aufbau des Know-Hows und der Erhalt der Arbeitsplätze wert sind. Genau das soll ja das angegebene Ziel sein, um sich von den asiatischen Herstellern unabhängig zu machen und den Wissens- und Produktionsvorteil solcher marktbeherrschenden Unternehmen wie CATL, BYD und anderen wieder aufzuholen. Das gelingt aber nicht mit zinslosen Darlehen in einer solch niedrigen Summe. Von einem „Boost“ kann man hierbei wirklich nicht sprechen – das wird eher ein Rohrkrepierer.

Die Automobil- und Zulieferindustrie selbst ist ebenfalls in dieser Thematik noch gespalten. Gerade die Lobbyarbeit der deutschen Hersteller hat mit zur Entscheidung der EU-Kommission beigetragen, nachdem man die Bundesregierung beim deutschen Autogipfel im Oktober 2025 entsprechend „gebrieft“ hatte. Getrieben sind die Unternehmen von der Unentschlossenheit, in welche Richtung es bei den künftigen Antrieben gehen soll. Volkswagen beispielsweise hatte sich entschieden, seine gesamte Flotte umzustellen, wird aber durch z.T. interne Fehlentscheidungen immer wieder zurückgeworfen und sieht sich andererseits damit konfrontiert, dass das Geld nach wie vor durch die herkömmlichen Modelle wie den Golf, den Tiguan und den Tyron – also den Verbrennern – verdient wird.

Auch andere Hersteller wie z.B. Ford machen aus demselben Grund derzeit wieder eine Kehrtwende ihrer Modellpolitik. Geplante BEV-Modelle werden zugunsten von Verbrennern und Hybriden verschoben oder gar aufgehoben. Die Zulieferindustrie ist dabei abhängig von den Entscheidungen ihrer Kunden und hat entweder bereits Kapazitäten für die E-Mobilität aufgebaut, die nun vorerst nicht benötigt werden oder hat keine Ideen für Zukunftsprodukte. Wer zuvor Getriebe oder Kolben für Verbrenner hergestellt und keine neuen Produkte in Aussicht hat, wird zwangsläufig ins Hintertreffen geraten.

Insgesamt ist die derzeitige Situation der Automobilindustrie jedoch nicht ausschließlich durch die Frage der Antriebsart geprägt. Vielmehr ist es die stark veränderte welt- und geopolitische Lage mit den beiden großen Märkten China und USA, die sich entsprechend gewandelt haben. In China dominieren einheimische Marken – natürlich auch stark vom Staat subventioniert – mit E-Modellen, die den dortigen Kundengeschmack treffen und in den USA wird durch Trumps Zollpolitik Protektionismus in Reinform betrieben. Beides macht den deutschen Autoherstellern das Leben schwer, denn die bisherige Exportweltmeisterstrategie funktioniert plötzlich nicht mehr.

Genau aus dem Grund ist es notwendig, dass die Politik klare Vorgaben macht und sich nicht durch kurzfristige Renditeziele der Unternehmen vom Grundsatz einer notwendigen Mobilitätswende zum Erreichen der Klimaziele abbringen lässt. Dabei ist jedoch andererseits auch eine entsprechend hohe Förderpolitik notwendig, damit die Hersteller (und auch somit alle davon abhängigen Branchen) diesen riesigen Transformationsschritt auch wirklich stemmen können. Das kostet ohne Zweifel viele Milliarden, die aufgebracht werden müssen. Ebenso muss die notwendige Infrastruktur hergestellt und am besten einheitlich niedrige Energiepreise bereitgestellt werden. Die Alternativen dazu würden aber düster aussehen, was die Zukunft des Kontinents betrifft. Die EU muss sich entscheiden, ob in Europa künftig noch eine nennenswerte und wettbewerbsfähige (Automobil-)Industrie existiert, oder ob man sich von den anderen Regionen der Welt dominieren lassen will. Das „Aus vom Aus“ wird uns jedenfalls nicht dabei helfen.               

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