Reformen, Reformen ...
Reformen,
Reformen. Alles schreit nach Reformen der Sozialversicherungssysteme –
zumindest könnte man den Eindruck davon gewinnen, wenn man derzeit die
Leitmedien durchforstet. Die angebliche Notwendigkeit dieser Reformen wird in
die breite Öffentlichkeit gebracht und oftmals leider auch mit fadenscheinigen
Argumenten und Halbwahrheiten flankiert. Arbeitgebervereinigungen und deren
Protagonisten machen gar die Überlebensfähigkeit der deutschen Wirtschaft davon
abhängig und Innenminister Dobrindt spricht im Interview mit der
Funke-Mediengruppe davon, dass „die Bürgerinnen und Bürger zurecht darauf
warten“.
Es wird
absichtlich der Eindruck erweckt, dass die Menschen dieses Landes es sozusagen
kaum noch erwarten können, dass nun endlich gehandelt wird und die zumeist von
sogenannten Expertenkommissionen (nicht von demokratisch legitimierten
Abgeordneten!) erarbeiteten Vorschläge zu den Themen Gesundheit, Rente und
Pflege umgesetzt werden. Seltsamerweise handelt es sich bei diesen Vorschlägen
grundsätzlich immer um Verschlechterungen der Leistungen, höhere Zuzahlungen
oder stärkere Zumutungen für die Betroffenen. Dabei bedeutet das Wort Reformen
an sich ja Erneuerung im Sinne von Verbessrung.
Hinter diesen
behaupteten Notwendigkeiten steckt natürlich die Tatsache, dass die breiten
Angriffe auf die Sozialsysteme mit der derzeitigen wirtschaftlichen Lage des
Landes zu tun haben. Die einstige Exportweltmeisternation Deutschland leidet in
allen relevanten Branchen unter der veränderten weltpolitischen Lage und der
Tatsache, dass die Aufteilung zwischen der Nutzung billiger Löhne in den
entsprechenden Weltregionen und der Veräußerung von Produkten in den Teilen der
Welt mit hoher Kaufkraft nicht mehr funktioniert. Die Gewinne und Renditen
schwinden und deshalb wird nun auf alles geschaut, was Kosten verursacht, die
dementsprechend verringert werden sollen. Die Politik erhält diesen Auftrag von
der Wirtschaft und deren Begünstigte und versucht ihn umzusetzen.
Dass dies aber
nicht immer so reibungslos wie gewünscht funktioniert, hat nicht unbedingt
etwas mit Regierungsunfähigkeit zu tun, wie es in den Leitkommentaren und den
teils dramatisierten Apellen der Arbeitgeberverbände immer behauptet wird. Es
handelt sich vielmehr um die Tatsache, dass manche Interessen und politische
Ziele sich eben innerhalb der Koalition aus Union und SPD diametral
entgegenstehen. Das ist kein Stillstand oder politischer Unwille, das ist ein
demokratischer Prozess, bei dem es heißt, Kompromisse zu finden, bei denen sich
jeder ein Stück weit wiederfindet.
Doch Alternativen
zu den bisherigen Vorschlägen zur Reformierung der Sozialsysteme werden zumeist
überhaupt nicht betrachtet. Schauen wir nur einmal auf das Thema Rente. Die
derzeit in den Medien vieldiskutierte Idee des Anhebens des
Renteneintrittsalters von 67 auf 70, die vermeintlich unabsichtlich an die
Öffentlichkeit gekommen ist, hat die Argumentation eines demographischen
Wandels und einer höheren Lebenserwartung zur Grundlage. Beides ist jedoch so
nicht richtig. Zwar befinden sich derzeit die sogenannten geburtenstarken
Jahrgänge (1960-1968) in der Phase des Renteneintrittes, aber es wird bei dem
Szenario eines angeblichen Überhanges an Rentnerinnen und Rentnern im Gegensatz
zu den Beitragszahlern verschwiegen, dass künftig die Generationen des sogenannten
Pillenknicks (nach 1969 bis in die 1970er Jahre) folgt. Zudem haben wir noch
immer eine Zahl von über 43 Millionen Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland
– so viel wie noch nie zuvor. Es stehen also nicht immer weniger Beschäftigte
einer immer größer werdenden Anzahl von zu versorgenden Leistungsempfängern
gegenüber. Das Problem liegt schlicht darin, dass die genannten
Beschäftigungsverhältnisse oftmals nicht sozialversicherungspflichtig sind oder
eben zu geringen Beiträge leisten, weil die Entgelte zu niedrig sind. Teilzeit
und prekäre Beschäftigungen sind die Ursache davon. Würden diese
Beschäftigungsformen mit entsprechend hohen Entgelten versehen sein, wären die
Beitragseinnahmen also deutlich höher und somit könnte der Steuerzuschuss von
rund 170 Mrd.€ (laut Bundesregierung) für die Rente entfallen. Wer also stabile
Sozialversicherungen will, muss für anständige Löhne und Gehälter sorgen!
Auch die
Beitragssätze als solche sind mit derzeit 18,6% vergleichsweise niedrig,
betrachtet man die Entwicklung dieser Sätze einmal seit Bestehen der
Bundesrepublik. Der gesetzlich beschränkte Höchstsatz von 22% (paritätisch also
jeweils 11% für die Beschäftigten und die Arbeitgeber) ist noch niemals
ausgeschöpft worden. Es spräche also nichts dagegen, die Beiträge etwas
anzuheben, um ebenfalls die Zuschüsse des Staates zu vermeiden. Es gibt also
kein demographisches Problem und auch kein finanzielles – nur die Absicht, die
Beiträge möglichst niedrig zu halten bzw. nicht steigen zu lassen, damit die
Gewinne nicht geschmälert werden. Die exakt selbe Situation hatten wir übrigens
auch schon zu Beginn der 2000er Jahre mit ähnlichen Argumentationen, die am
Ende zur Umsetzung der Rente mit 67 geführt hatten. Alternativen, wie
dargestellt oder vielfach von den Gewerkschaften und Sozialverbänden gefordert und
aufgezeigt, werden ignoriert.
Was die
vermeintlich höhere Lebenserwartung angeht, ist dies auch nur teilweise
richtig. Vor allem in den Bevölkerungsschichten mit niedrigem Einkommen ist
eher das Gegenteil der Fall. Schlechtere Entgelte (und daraus folgend auch
schlechtere Renten) führen eben auch zu einer schlechteren medizinischen
Versorgung, was am Ende eine höhere und frühere Sterblichkeit zur Folge hat.
Wir befinden uns längst schon in einer Zweiklassengesellschaft, die eben nicht
zu einer allgemein höheren Lebenserwartung für alle führt. Diese schlechter gestellten
Gesellschaftsschichten sind übrigens auch nicht in der Lage, von ihren geringen
Entgelten noch private Polster zur Absicherung ihrer späteren Rente zu tätigen,
wie teilweise naiv immer wieder gefordert wird – doch das nur am Rande.
Die eigentliche
Heuchelei bei diesem Thema wird dann deutlich, wenn man betrachtet, wie die
tatsächliche Situation in den Betrieben aussieht. Faktisch ist es so, dass die
Personalabteilungen aller großen Industrieunternehmen derzeit damit beschäftigt
sind, Personal abzubauen. Sozialverträglich – wie es immer so schön heißt –
funktioniert das zumeist über Altersteilzeitregelungen, bei denen die
Beschäftigten in der Regel mit 60 aus dem Unternehmen ausscheiden. Gäbe es
diese (tariflich geregelten) Instrumente nicht, wäre die Alternative
Massenentlassungen mit der Folge des starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit.
Trotz der Rentenabschläge durch das frühzeitigere Ausscheiden aus dem
Arbeitsleben, nutzen die Beschäftigten diese Angebote auch zahlreich.
Die Realität in
den Betrieben lässt auch zumeist keine Beschäftigung von über 60-Jährigen mehr
zu. Wer auf dem Bau, in der Automobilindustrie, im Stahlbereich, im Straßenbau,
in der Metall- und Elektroindustrie oder in der Chemie tätig ist, wird genau
wissen, was ich meine. Wie viel weniger möglich ist also dann die Umsetzung der
Beschäftigung von noch älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern?
Selbstverständlich wissen das auch diejenigen, die für ein höheres
Renteneintrittsalter plädieren – sie wissen auch, dass die Folge dieser
Anhebung verbunden mit der Unmöglichkeit der Beschäftigung zu höheren
Rentenabschlägen führt, wenn man dann dennoch eher geht, weil der Körper nicht
mehr mitmacht. Es ist ihnen schlicht egal, Hauptsache die Kosten werden
reduziert und das Risiko wird sozialisiert. Das sind die wahren Hintergründe
bei dieser ganzen Debatte. Und sie wird wie bereits beschrieben von den
Leitmedien, der Wirtschaft und der entsprechenden politischen Richtung geführt.
Dies kann man im
Grunde auch auf alle anderen Themen der Sozialversicherungen übertragen.
Überall werden fadenscheinige Argumente für Verschlechterungen angeführt und
die wahren Hintergründe und Fakten verschwiegen. Doch das kann und darf nicht
die Lösung sein. Wer immer mehr am Grundpfeiler unserer Demokratie sägt –
nämlich am Sozialstaat mit seiner solidarischen und paritätischen Finanzierung
und Verteilung der Leistungen, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn diese
Demokratie irgendwann zusammenstürzt und in Trümmern liegt. Leider steuern wir
derzeit ungebremst auf ein solches Szenario zu, weil die Meinungsführerschaft
nicht unbedingt die gesellschaftlichen Mehrheiten vertritt. Dies gilt es zu verändern!
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