Ist Jens Spahn plötzlich Sozialist?
Ist Jens Spahn plötzlich zum Sozialisten geworden? Solche und ähnliche Fragen geistern derzeit durch die Medienlandschaft und suggerieren einen angeblichen Wandel in den politischen Ansichten des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag.
Hintergrund ist eine Aussage von Spahn in der sogenannten
Polit-Talkshow von Maybrit Illner am 11. September 2025. Darin ging es u.a. um
die Frage der Verteilungsgerechtigkeit des privaten Vermögens. „Wir hatten in
den letzten Jahren, gerade in der Niedrigzinsphase, die Situation, dass
Vermögen eigentlich ohne größeres eigenes Zutun von alleine fast gewachsen ist.
Immobilienwerte, Aktienwerte und anderes mehr“, stellte er richtigerweise fest
und, „wer schon hatte, hat immer mehr.“ Einig war er sich in diesem Punkt also
mit der Fraktionsvorsitzenden der Linken, Heidi Reichinnek, die ebenfalls mit in
der Runde saß und das Thema angestoßen hatte.
Überraschend bei der ganzen Diskussion um Spahns
vermeintlichen Sinneswandel ist dabei schon das offensichtliche Verkennen
seiner wirklichen Absichten – sowohl in den Medien, als auch bei vielen
Vertretern der anderen Parteien oder der Sozialverbände. Die SPD-Bundesfraktion
begrüßte die Aussagen Spahns mit folgendem Wortlaut der Fraktions-Vizevorsitzenden
Wiebke Esdar gegenüber der Funke-Mediengruppe: „Wir freuen uns, dass auch Jens
Spahn die ungleiche und massiv ungerechte Vermögensverteilung in unserem Land
als Problem ansieht.“
Katharina Dröge von den Grünen stellte ebenfalls erfreut
fest, dass Spahn nun öffentlich über die Ungleichverteilung der Vermögen
sprechen würde und die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbandes Deutschland,
Michaela Engelmeier, zeigte sich „überrascht, mit welcher Klarheit Jens Spahn
die wachsende Vermögensungleichheit in Deutschland als Problem benennt.“
Dabei hat Spahn im gleichen Atemzug auch wieder auf die angebliche
Notwendigkeit von Reformen der sozialen Sicherungssysteme, die an den
demographischen Wandel angepasst werden müssten, hingewiesen. Zudem propagierte
er die Beteiligung von Menschen mit niedrigen Einkommen an der
Vermögensbildung. Damit vertrat er – wenn vielleicht auch etwas verdeckt – die alten
Rezepte der Neoliberalen für angeblichen Wohlstand der Allgemeinheit. Im Grunde
sprach er sich damit für eine Verschlechterung der Leistungen von Renten- und
Sozialkassen durch z.B. ein höheres Renteneintrittsalter und solchen unausgegorenen
Ideen wie die Aktienrente und andere Produkte des Finanzmarktes aus, mit denen
man nach seiner Lesart die Sozialkassen entlasten, und zugleich die
angesprochene Teilhabe schlecht bezahlter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am
Vermögensaufbau umsetzen könne.
Mehr Steuergerechtigkeit sieht er bei der Reform der
Erbschaftssteuer, die derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht behandelt wird. In
dem Verfahren, welches das Land Bayern auf Initiative von Ministerpräsident Markus
Söder in Bezug auf Anpassungen von Freibeträgen angeschoben hat, geht es also
nicht wirklich um Verteilungsgerechtigkeit, sondern um höhere Entlastungen
derjenigen, die solche Steuern überhaupt zahlen müssen. Und das sind in der Tat
vor allem Menschen aus der Schicht sehr hoher Einkommen. Das sprichwörtliche
Haus der Oma, welches vererbt wird, unterliegt meistens nicht einer Erbschaftssteuer.
Da geht es schon eher um die Villa in bester Stadtlage oder ähnliche Werte. Söder
möchte die Steuer ohnehin so verändern, dass die Bundesländer dafür zuständig
sind und die Regelbeträge selbst bestimmen. Auf diese Weise ließe sich noch
weitaus bessere Klientelpolitik betreiben.
Die eigentliche Frage nach einer gerechteren Verteilung
der Vermögen, die Spahn ja zurecht als oft „ohne großes Zutun“ in ihrer
Vermehrung benennt, wird aber überhaupt nicht angesprochen. Das ganze Thema ist
deshalb aus meiner Sicht mal wieder eine einzige politische Nebelkerze, um von
der tatsächlich notwendigen Diskussion über eine Vermögenssteuer oder Abgabe/Anleihe
abzulenken. Im Gegensatz zur dargestellten Erbschaftssteuer, die, wenn sie denn
anfällt, nur einmalig fällig wird, könnte eine Vermögensabgabe dauerhaft auf
alle sehr hohen Einkommensarten angewandt werden und hätte somit einen weitaus
größeren Nutzen für die Finanzen des Landes und der gesamten Gesellschaft. Damit
würden dann auch die Superreichen dieses Landes endlich ihren gerechten Anteil
leisten und es bräuchte bei Weitem nicht so hohe „Sondervermögen“ aus Schulden,
deren Zinsen das gesamte Steueraufkommen belasten.
Doch genau das soll selbstverständlich nicht geschehen,
denn es gehört nach wie vor zum Auftrag der Konservativen, die Vermögen der
extrem Reichen zu schützen und alles zu unterlassen, was dieses Ziel gefährdet.
Das muss man aus meiner Sicht so deutlich ausdrücken. Spahn ist natürlich kein
Sozialist und wird auch sicher niemals einer werden. Was mir jedoch fehlt, ist die
öffentliche Kritik an der politischen Ausrichtung im Zusammenhang mit der
gesamten Debatte um die gerechte Verteilung von erarbeiteten Werten.
Stattdessen wird mit der eingangs dargestellten Verwunderung über seine angeblich
kritischen Äußerungen der Vermögensverteilung mal wieder Sand in die Augen der
Menschen dieses Landes gestreut.
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